Die „Internationalen Filmfestspiele Berlin” gehören neben denen in Cannes und Venedig zu den renommiertesten Filmfestivals der Welt. Heute ein bedeutendes Forum für die Filmkunst sowie für kulturelle Innovation und Vernetzung, entstand das Festival in einer Zeit, in der das Filmland Deutschland im wahrsten Sinne des Wortes gerade in Trümmern lag. Dementsprechend hatte sich auch der sogenannte Trümmerfilm unmittelbar nach Kriegsende der Situation im Nachkriegsdeutschland und der kritischen Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit angenommen. In dieser speziellen Phase des deutschen Kinos wurde die Berlinale 1951 auf Initiative von Oscar Martay ins Leben gerufen. Als Filmbeauftragter der US-Militärregierung hatte dieser die Aufgabe, die über Jahre hinweg von nationalsozialistischem Gedankengut durchdrungene deutsche Filmindustrie zu beaufsichtigen und neue Filme zu genehmigen. Dem Filmoffizier lag die Berliner Filmindustrie so sehr am Herzen, dass er die Festivalgründung initiierte und unter anderem mit mehreren Darlehen der amerikanischen Militärregierung die Finanzierung in den ersten Jahren sicherstellte.

Heute steht die Berlinale für eine breite Palette an Filmen unterschiedlichster Genres und Kulturkreise. Neben dem Wettbewerb um den Goldenen Bären umfasst das Festival mehrere Sektionen wie Panorama, Forum und Generation, die jeweils bestimmten Zugängen zur Kinematographie gewidmet sind.

 

Verzweiflungsmord im 18. Jahrhundert mit Silbernen Bären geehrt

In der 74. Ausgabe des Festivals ist das Filmland Österreich geradezu omnipräsent: Im Hauptwettbewerb und in drei unterschiedlichen Sektionen liefen insgesamt vier ÖFI geförderte Filme, die allesamt ihre Weltpremiere feierten. Allen voran wurde der Kameramann Martin Gschlacht für seine „Herausragende künstlerische Leistung“ im Film von Veronika Franz & Severin Fiala  DES TEUFELS BAD  mit einem Silbernen Bären prämiert. Der abgründig-düstere Streifen mit Anja Plaschg, David Scheid und Maria Hofstätter beleuchtet das zum Teil bis heute bestehende gesellschaftliche Tabu der Depression. Im Volksmund des 18. Jahrhunderts wurden melancholische Menschen als Gefangene im Bad des Teufels bezeichnet. In die Spirale der Depression gerät auch die tiefreligiöse und hochsensible Agnes im oberösterreichischen Bauernmilieu des Jahres 1750. Frisch verheiratet, findet die junge Frau in der Welt ihres Mannes, die voller Arbeit und Erwartungen ist, keinen Platz. Die Schlinge der Melancholie zieht sich tagtäglich ein Stück weiter zu. Ein schreckliches Verbrechen aus Verzweiflung scheint irgendwann der letzte Ausweg zu sein, um nicht mehr auf Erden wandeln zu müssen.

Das Schicksaal als zum Tode verurteilte Mörderin vereint Agnes laut historischen Gerichtsprotokollen mit hunderten Frauen des 18. Jahrhunderts in ganz Europa: Ob in Österreich, Deutschland, Schweden, Frankreich oder England, Gerichtsakten dokumentieren in dieser Zeit unzählige Fälle, in denen Frauen religiös geleitete Mordtaten verübt haben, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Für einen Selbstmord drohte die ewige Verdammnis in der Hölle. Die Hinrichtung nach einem Mord bot hingegen die Möglichkeit, durch die Beichte vor dem Todesurteil noch von allen Sünden gereinigt in den Himmel zu kommen. Allein im deutschsprachigen Raum verübten deshalb über 400 Frauen aus Verzweiflung schreckliche Morde – meist an Kindern, da man davon ausging, dass sich diese noch in einem Zustand der Unschuld befänden.

DES TEUFELS BAD zeichnet die Umstände eines solchen Falles eindrücklich nach und richtet den Blick damit auf ein bislang gänzlich unbeleuchtetes Kapitel europäischer Geschichte. Der Film ist der dritte gemeinsame Spielfilm des Regie-Duos Franz & Fiala nach dem mehrfach preisgekrönten ICH SEH ICH SEH (2014), der als österreichischer Beitrag für den Auslandsoscar nominiert wurde, und der englischsprachigen Koproduktion THE LODGE 2019) mit den US-Stars Riley Keough und Jaeden Martell.

 

Tragikkomödie made by Josef Hader

Zum allerersten Mal erstrahlt bei der Berlinale auch Josef Haders langerwartete zweite Regiearbeit Andrea lässt sich scheiden nach einem Drehbuch von Josef Hader & Florian Kloibhofer auf der großen Kinoleinwand. Mit Birgit Minichmayr, Thomas Schubert, Robert Stadlober, Thomas Stipsits und Josef Hader selbst in den Rollen läuft der Film in der Sektion Panorama, die für aufregendes Kino am Puls der Zeit und mit Reibungsflächen steht. Der beliebteste Spiel- und Dokumentarfilm dieser Kategorie wird Jahr für Jahr mit dem Publikums-Preis belohnt.

 

ANDREA LÄSST SICH SCHEIDEN erzählt mit dem unverwechselbaren lakonischen Humor Josef Haders von unverwirklichten Träumen, verpasstem Glück und schicksalhaften Begegnungen in der niederösterreichischen Provinz. Im Mittelpunkt all dessen steht die Polizistin Andrea, die irgendwann von ihrer unglücklichen Ehe ebenso genug hat, wie davon, jedes Gegenüber einer Verkehrskontrolle persönlich zu kennen. Die Stadt St. Pölten und eine neue Stelle als Kriminalinspektorin sollen Abhilfe schaffen und das erhoffte Glück bringen. Doch ehe das neue Leben beginnt, läuft ihr der Noch-Ehemann betrunken vors Auto und Andrea begeht Fahrerflucht. Unverhofft findet sich mit dem trockenen Religionslehrer Franz jedoch ein Ersatz-Täter. Nicht nur der ganze Ort hält ihn für den Unfallfahrer, auch er selbst tut es und verfällt dabei zunehmend wieder dem Alkohol. Andrea nutzt unterdessen die Zeit, um ihre Spuren zu verwischen, und lässt dabei weder in ihre Gefühlswelt blicken, noch sich von Gefühlen beirren. Ein schonungsloser Blick auf das Landleben, der Humor und Melancholie ebenso stets ineinander übergreifen lässt, wie das Absurde, das Lustige und das Tragische.

 

Josef Hader legte in den vergangenen Jahren eine Reihe vielbeachteter Arbeiten als Schauspieler vor, unter anderem als Stefan Zweig im preisgekrönten Biopic VOR DER MORGENRÖTE (2016) von Maria Schrader. Dafür wurde er 2016 mit dem Preis der deutschen Filmkritik als „Bester Darsteller“ sowie mit einer Nominierung für den Europäischen Filmpreis 2017 bedacht. Aber auch sein Regiedebüt WILDE MAUS (2017) bescherte ihm auf Anhieb eine Einladung in den Wettbewerb der Berlinale und über eine halbe Million Kinobesucher*innen in Österreich und Deutschland.

 

Friedensfilmpreis geht an Ruth Beckermann

Der Berlinale-Wettbewerb Encounters hat sich ästhetisch und strukturell wagemutigen Arbeiten von unabhängigen, innovativen Filmschaffenden verschrieben. Dieser Beschreibung wird die seit 1985 als freie Autorin und Filmschaffende in Wien arbeitende Ruth Beckermann mehr als gerecht. So geht der Friedensfilmpreis an Ruth Beckermanns neuen Dokumentarfilm FAVORITEN, der das Leben und Lernen an einer der größten Volksschulen Wiens unter die Lupe nimmt. Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass mehr als 60% aller Kinder in Wiener Volksschulen nicht Deutsch als Erstsprache haben – eine Herausforderung für das Bildungswesen, die durch den akuten Mangel an Lehrer*innen verschärft wird.

 

Über drei Jahre hinweg hat Ruth Beckermann eine Wiener Volksschulklasse mit 25 Kindern und ihre engagierte Lehrerin Ilkay Idiskut filmisch begleitet. In Form eines ungewöhnlichen Gemeinschaftsportraits wurden dabei Ängste, Hoffnungen, aber auch Freuden und Träume einer Zukunft an die Oberfläche befördert und dabei aufgezeigt, welch große Rolle die Grundschulbildung für das gesellschaftliche Miteinander spielt.

 

Beckermanns Arbeiten sind vielfach ausgezeichnet. Ihr Film Those who go Those who stay erhielt 2014 den großen Dokumentarfilmpreis der Diagonale in Graz. Waldheims Walzer erntete unter anderem den Glashütte Preis für den besten Dokumentarfilm bei der Berlinale 2018 sowie eine Nominierung als österreichischer Oscar-Kandidat für den besten fremdsprachigen Film 2019. Ihr jüngster Film MUTZENBACHER lief im Vorjahr ebenfalls in der Sektion Encounters und erhielt den Preis als Bester Film.

 

Birgit Minichmayr als Avantgarde-Malerin Maria Lassnig

Die in Wien lebende Filmemacherin Anja Salomonowitz hat für ihre Filme eine eigene Filmsprache entwickelt, in der sich Dokumentation, Fiktion und gesellschaftspolitische These vermischen. Reale Erfahrungen und Fakten werden dabei in abstrahierte, aber wahrhaftige Bilderwelten verdichtet. Schon frühe Werke in ihrem Schaffen, wie Kurz davor ist es passiert (2007) brachten der Regisseurin und Drehbuchautorin internationale Anerkennung und Auszeichnungen ein, wie den Wiener Filmpreis bei der Viennale 2006 und den Caligari Filmpreis des internationalen Forums des jungen Films bei der Berlinale 2007.

 

MIT EINEM TIGER SCHLAFEN ist bereits der vierte Film von Anja Salomonowitz, der im Rahmen des Berlinale-Forums vorgestellt wird. Diese Sektion steht bereits seit 1971 für experimentelle und höchst innovative Filme. Neben Andrea lässt sich scheiden heißt die Hauptdarstellerin auch hier Birgit Minichmayr. Sie verkörpert in diesem dokumentarisch-fiktionalen Biopic die österreichische Avantgarde-Malerin Maria Lassnig. Lassnig entwickelte sich inmitten einer von männlichen Künstlern dominierten Szene zu einer der bedeutendsten europäischen Malerinnen des 20. Jahrhunderts. Berühmt wurde sie durch ihre „Körperbewusstseinsbilder“, ein künstlerisches Konzept, das sie insbesondere in den 60-er Jahren in Paris entwickelte. Demnach sollte nicht das, was sie als Malerin sieht, sondern wie sie sich spürt, zum Bild werden. Gemeinsam mit Arnulf Rainer gilt sie auch als Begründerin der informellen Malerei in Österreich. Minichmayr mimt die Ausnahmekünstlerin eindrücklich in all ihren Altersstufen und psychischen Verfassungen, stets mit dem tiefgreifenden Bedürfnis nach einem ganz eigenen künstlerischen Ausdruck im Fokus.

Kinostart: 08.03.2024

Des Teufels Bad

Spielfilm
Regie: Severin Fiala, Veronika Franz
Kinostart: 23.02.2024

Andrea lässt sich scheiden

Spielfilm
Regie: Josef Hader

Favoriten

Dokumentarfilm
Regie: Ruth Beckermann
Kinostart: 12.04.2024

Mit einem Tiger schlafen

Spieldokumentation
Regie: Anja Salomonowitz