Zwei Frauen lächeln in die Kamera und machen ein Selfie vor einem blau-lila Hintergrund mit weißen Buchstaben.
© Hofer Filmtage

Im Gespräch mit Uli Decker und Bernadette Weber zu ihrem neuen Dokumentarfilm-Projekt HEROINES OF HOPE

„Immer mehr Menschen verstehen, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen dürfen.“

 

Grund zum Pessimismus liefert die Weltlage gerade genug. Vielleicht sind die Zukunftsaussichten aber auch deshalb düster, weil negative Szenarien eher in unseren Köpfen Platz finden als zuversichtliche. Uli Decker & Bernadette Weber haben sich für HEROINES OF HOPE auf die Suche nach Persönlichkeiten, Entwürfen und Initiativen gemacht, wo mal ein lauter, mal ein stillerer Geist des kollektiven Widerstands und der Solidarität eine diversere Welt in einer lichteren Zukunft entstehen lässt.

 

Ihrem Projekt HEROINES OF HOPE könnte man zwei Motive zugrunde legen – ein eher pessimistisches, das darauf verweist, dass Errungenschaften für Frauen und queere Personen wieder unter Beschuss stehen; ein optimistisches, dass es auch in beunruhigenden Zeiten guten Grund zur Zuversicht gibt. Wo verorten Sie Ihren Ansatz?

ULI DECKER: Die Frage gibt schon einen Teil der Antwort. Wir sind gewohnt, in Dystopien zu denken und können uns ein furchtbares Ende eher vorstellen, als eine Welt, die vielleicht entstehen könnte, wenn wir dafür kämpfen, woran wir glauben. Ich habe mich so sehr mit den täglichen Nachrichten beschäftigt, bis sie der Grund dafür geworden sind, einen Film über Menschen zu machen, die versuchen, die Welt positiv zu gestalten. Ich halte es in dieser Zeit für ganz wichtig, dass Frauen und Verbündete in der ganzen Welt aufstehen. Man kann sich das nicht mehr länger anschauen und es tut gut, dass das auch anderen Menschen gerade bewusst zu werden scheint.

BERNADETTE WEBER: Ich kann dem nur zustimmen. Die Projektidee ist von unseren Produzentinnen Tanja Georgieva-Waldhauer und Claudia Wohlgenannt an uns herangetragen worden und Uli und ich haben uns sehr schnell auf derselben Wellenlänge gefunden. Es ging den Produzentinnen um einen Film über feministische Solidarität angesichts der aktuellen Situation. Unabhängig voneinander haben wir vorgeschlagen, dass wir aufgrund der Breite des Themas ein Ko-Regie-Projekt sehen würden. Unsere Zusammenarbeit ist sehr dialogbasiert, wir arbeiten in engem Austausch, schicken uns viel Input, debattieren sehr viel … all das ist sehr bereichernd. Wovon ich von Beginn an sehr angetan war, ist, dass es sich um ein Projekt handelt, das Hoffnung geben soll. Solidarität ist ein Thema, das mich vor vielen Jahren auch akademisch beschäftigt hat, umso mehr hat es mich gereizt, es auch auf einer praktischen Ebene zu testen und der Frage nachzugehen, welches Potenzial es in feministischen und queeren Bewegungen hat.

 

Theoretische Forschung und Filmemachen überschneiden sich in Ihren künstlerischen Biografien. Können Sie uns Näheres über diesen Hintergrund erzählen?

ULI DECKER: Ich habe zunächst Literatur-, Theater- und Filmwissenschaften in verschiedenen Ländern studiert, wollte aber immer Film- oder Theaterregie machen. Nach einem Master in Kreativem Dokumentarfilm in Barcelona habe ich dann TV-Reportagen und kürzere Dokumentarfilme gemacht. 2022 kam mein hybrider Dokumentarfilm Die Kleider meines Vaters raus, der auf Festivals sehr erfolgreich war. Meine Filme bringen eine Sehnsucht nach einer offenen, freien Welt zum Ausdruck. Frauenrechte sind ein Thema, das seit meiner Kindheit obenauf liegt, weil ich unglaublich wütend war, als ich als Mädchen gemerkt habe, dass ich nicht die gleichen Chancen hatte, dass bestimmte Projektionen auf mich stattfinden, dass ich unter Zwängen stehe, die für Männer nicht gelten. Ich habe nicht von Beginn an Film studiert, weil an der Filmhochschule nur Männer unterrichtet hatten und ich keine weiblichen Regieführenden kannte. Ich verspürte einen starken Wunsch, Geschichten von Frauen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erzählen, weil in den letzten paar tausend Jahren so viel unter den Tisch gefallen ist und großer Nachholbedarf besteht. In HEROINES OF HOPE wollen wir keineswegs nur über Frauen sprechen, sondern Männer und diverse Menschen, die Teil dieser Bewegungen sind, miterzählen. Uns geht es um einen Feminismus, der soziale Gleichheit, Umweltschutz und auch eine intersektionale Vorstellung von Gemeinschaft lebt und sich nicht in Definitionen verliert.

BERNADETTE WEBER: Vom ersten Gespräch an waren wir uns darüber einig, dass wir keinen schwarzweißen Film Frauen vs Männer erzählen wollten. Es geht uns darum, dass in den Demokratien unserer Heimaten in der westlichen Hemisphäre die Regierungssysteme gerade wieder autoritärer werden. Macht fällt wieder wenigen Personen zu, Ungleichheit drückt sich in einer größeren Schere aus, gleichzeitig entwickelt sich – unter anderem auch im Netz – eine Kultur des Widerstands. Hass gegenüber Frauen und queeren Personen wird stärker. Diesem bedrohlichen Aspekt stehen andererseits Massen von Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Alters und unterschiedlicher Geschichten gegenüber, die dagegen aufstehen und lauter werden – auch an Orten, wo bis vor kurzem die Problematik nicht so gesehen wurde. Uns geht es darum zu zeigen, dass unterschiedlichste Menschen für Gleichberechtigung aufstehen. Zu meinem Hintergrund: Ich bin ebenfalls in einem kleinen Dorf aufgewachsen und habe auch lange als Kind mit meiner Weiblichkeit gekämpft. Meine Reaktion war ähnlich wie bei Uli, nämlich gleich nach meiner Volljährigkeit abzuhauen und erst nach 18 Jahren wieder nach Österreich zurückgekommen. Ich habe lange ein nomadisches Leben geführt, in unterschiedlichen Ländern Philosophie und Dokumentarfilm studiert, u.a. die Filmschule ZeLIG in Bozen absolviert, für diverse TV- und Kinodokumentarfilme als Autorin oder Kameraperson gearbeitet und gleichzeitig in politischer Philosophie und Ethik weitergemacht und darin promoviert.

 

Der Titel HEROINES OF HOPE verweist auf zentrale Hauptfiguren; Sie haben Ihr Konzept in fünf Themengebiete strukturiert, an denen die Diskriminierung gegenüber Frauen festzumachen ist. Haben Sie aufgrund der Themen nach Protagonistinnen gesucht oder gab es von Beginn an Persönlichkeiten, die Sie auf alle Fälle im Film haben wollten?

ULI DECKER: Ich denke, es war eine Mischung. Der Beginn unserer Zusammenarbeit erfolgte digital, fürs erste Treatment standen wir nur über Zoom-Meetings miteinander in Verbindung. Erst dann haben wir uns zu einer Residency zurückgezogen – die erste Gelegenheit für uns beide, persönlich zusammenzuarbeiten – und haben konkret überlegt, welche Länder für uns spannend wären, hatten aber auch schon einige Protagonistinnen vor Augen. Grundsätzlich hätten wir jedes Land der Welt thematisieren können, was die Auswahl nicht leichter gemacht hat. Wir würden nach wie vor gerne eine Serie entwickeln, um auch andere Kontinente einbringen zu können… Die Eingrenzung war ein schwieriges Thema. Als westeuropäische Frauen wollten wir uns nicht anmaßen, einen Film über afrikanischen oder asiatischen Feminismus zu machen. Wir beschränkten uns schließlich auf Länder, die wir kennen oder wo wir nahe an den Entwicklungen dran sind. Außerdem versuchten wir, uns auf Länder zu beziehen, wo man lange dachte, dass Frauenrechte selbstverständlich sind.

 

Mit welchen Themen kann man die Protagonistinnen assoziieren?

BERNADETTE WEBER: Wir haben sehr unterschiedliche feministische Kämpferinnen gewählt, die in ihren Ländern gegen autokratische Tendenzen und eine Kultur, die Hass gegen Frauen und queere Personen verbreitet, aufstehen und sich wehren. Wir haben fünf Themengebiete herausgearbeitet, wie Frauen ihre Rechte, aber auch ihre personhood, also die Anerkennung ihres kompletten Menschseins, in der einen oder anderen Form abgesprochen wird. Erstes Thema ist die Kontrolle des Körpers, das durch die länderübergreifende Bewegung My Voice My Choice verkörpert wird, die sich für sichere und legale Abtreibungsmöglichkeiten in allen EU-Ländern einsetzt. Als Movement steht es jetzt aber für etwas viel Größeres. Das zweite Thema gilt der wirtschaftlichen Diskriminierung, dafür steht die Soziologin Luci Cavallero aus Buenos Aires im Mittelpunkt. Ihre Initiativen und Aktionen finden an einem Ort statt, wo sich Leute unterschiedlicher Bewegungen wie Ni una menos treffen, um gemeinschaftlich für eine bessere und gerechtere Welt einzutreten. Beim dritten Thema geht es um die Thematik der Selbstbestimmung, was sexuelle Orientierung und Gender-Identität betrifft. Da schauen wir nach Ungarn, weil sich die aktuelle Politik unter Orbán gegen LGBTQ+-Personen richtet. Unsere vierte Protagonistin ist Zahra Hashimi, eine aus Afghanistan stammende junge Frau mit Flüchtlingshintergrund, die seit zehn Jahren in Österreich lebt. Sie hat eine Online-Schule gegründet, die Mädchen in Afghanistan die Chance geben soll, kostenlos Unterricht zu erhalten und die allein von Spenden getragen wird. Außerdem führt sie uns vor Augen, wie selbst in Österreich gewisse Rechte nicht so gefestigt sind und erkämpft werden müssen. Uli, vielleicht möchtest du auf den letzten Schwerpunkt eingehen…

ULI DECKER: Für den letzten Themenbereich suchen wir noch nach einer Investigativ-Journalistin, die sich mit den Netzwerken beschäftigt, die im Hintergrund tätig sind, um rechtsradikale Parteien mit Geld zu versorgen. Wir wollen greifbar machen, dass Erzählungen aus Ungarn oder Argentinien kein einzelnes Land betreffen, sondern dass in vielen Ländern gezielt die Demokratien zerstört werden sollen, indem gesellschaftliche Spaltung vorangetrieben wird. Es gibt Kräfte in der Welt, die keinerlei Interesse daran haben, dass viele Menschen auf gesellschaftlicher Ebene ein Mitspracherecht erhalten. Eine gefährliche Situation.

 

Ihre Protagonistinnen sind alle in ihrem Kampf aktiv, dadurch vor allem im Netz auch exponiert. Wie werden Sie sich ihnen filmisch nähern? In erster Linie ihr Engagement zeigen oder auch darauf eingehen, wie es ihnen persönlich in dieser Exponiertheit, wie es ihnen mit Fort- und Rückschritten ergeht?

ULI DECKER: Wir wollen unseren Hauptfiguren auch persönlich nahekommen und sie vielschichtig erzählen, was eine Herausforderung ist. Beim Dreh mit Vertreterinnen von My Voice My Choice in Brüssel haben wir festgestellt, dass unsere Protagonistin und ihr Team ständig im Einsatz sind und kaum einen ruhigen Moment haben. Für uns ist es gerade in dieser frühen Drehphase wichtig, eine Beziehung zu den Personen im Zentrum unseres Films aufzubauen und ihnen verständlich zu machen, was wir vorhaben. Wir möchten sie nicht nur in Aktion zeigen, sondern auch in ruhigen Momenten. Jede Protagonistin soll die Chance bekommen, von der Welt zu sprechen, die sie sich erträumt. „Wir kämpfen gegen oder für etwas“ soll nicht der einzige Aspekt sein, sondern wir möchten mit jeder von ihnen darüber reden, wie die Welt aussehen würde, wenn sie sie gestalten könnten.

BERNADETTE WEBER: Wir haben gegen Ende der Recherche und bei den ersten Drehs festgestellt, dass die Grenzen zwischen Privat und Publik oft sehr fließend sind. Bei Rebeka in Ungarn wird deutlich, wie sehr ihre Lebensentscheidungen eine Sache der Politik geworden sind. Zum Beispiel, mit wem sie zusammenlebt, und ob sie einmal Kinder haben kann. Auf der anderen Seite geht der öffentliche Aktivismus oft ins Privatleben über. Wir sind erst am Anfang des Drehprozesses, aber in manchen Momenten haben wir es bereits geschafft, einzelnen Protagonistinnen wirklich nahe zu sein und ihre menschliche Seite zu zeigen. Es ist auch ein Kampf ums Menschsein-Dürfen. Ein Aspekt ist zu zeigen, wie unterschiedlich Weiblichkeit und Menschlichkeit aussehen können. Das kategorische Denken ist bei den Autokraten wieder modern geworden, traditionelle Rollen für Frauen und Männer stehen wieder stärker im Vordergrund. Wir wollen zeigen, wie divers die Menschheit aussehen kann.

ULI DECKER: Schön ist, dass wir sehr unterschiedliche Charaktere haben. Nika von My Voice My Choice und Luci in Buenos Aires sind ständig in Aktion, Rebeka in Ungarn hingegen ist Dichterin, schreibt viel, denkt viel nach, hat eine ganz andere Geschwindigkeit. Zahra lebt wieder in einer ganz anderen Welt – und das wollen wir auch auf der ästhetischen Ebene widerspiegeln. Wir sind gerade in einem engen Austausch mit unserer Kamerafrau Siri Klug und reflektieren über die Bildsprache, die auf die einzelnen Protagonistinnen eingeht. Bei My Voice My Choice findet ein Gros der Kommunikation online, v.a. über Instagram statt, dem wollen wir auch Rechnung tragen.

 

Als ein möglicherweise verbindendes Element haben Sie vorgesehen, auch Animation einzubringen. Welche Gedanken gibt es zu diesem formalen Element?

ULI DECKER: Dazu haben wir zurzeit viele Ideen und noch nicht entschieden, wie wir sie einsetzen. Wir dachten zunächst an fünf Animationskünstlerinnen aus verschiedenen Ländern, die eine assoziative Animationsebene schaffen sollten, durch die man die großen Zusammenhänge stärker spüren kann. Der Film ist grundsätzlich schon sehr vielschichtig, wir tendieren daher gerade dazu, die Animation dazu zu nutzen, komplexe Informationen bildlich verständlich zu machen. Da ist die letzte Entscheidung noch nicht getroffen.

BERNADETTE WEBER: Die Animation wird sich noch weiterentwickeln, soll aber auf alle Fälle der Geschichte dienen und helfen, vor allem die Verbindungen dahinter besser erfassen zu können. Im Vordergrund stehen die bemerkenswerten Persönlichkeiten unserer Protagonistinnen.

ULI DECKER: Eine Frage, die uns auch beschäftigt, ist die, wie die Antagonisten im Film vorkommen können. Auch dafür war die Animation eine Idee. Wahrscheinlich werden wir auch kurze Ausschnitte mit Archivmaterial benötigen. Es gibt also noch offene Fragen …

 

Sie stehen am Beginn der Dreharbeiten. Aktivismus ist etwas, das erst längerfristig wirksam werden kann. My Voice My Choice konnte soeben einen Erfolg in Brüssel verbuchen. Wie können Sie grundsätzlich mit der Notwendigkeit, nicht nur punktuell etwas zu zeigen, sondern auch eine Entwicklung zu erfassen, umgehen?

BERNADETTE WEBER: Als letzten Drehtag haben wir uns den 8. März 2027 vorgenommen, um diesen feministischen Kampftag zu zelebrieren. Die Dreharbeiten beginnen jetzt, aber die Langfristigkeit unserer Beobachtungen besteht bereits. Wir haben auch sehr viel Archivmaterial unserer Protagonistinnen gesammelt, das wir einbringen dürfen. Die Langzeitbeobachtung hat in gewisser Weise bereits vor uns begonnen. Unser Film erzählt eine Geschichte, die schon auf den Schultern anderer Geschichten steht. Wir reisen mit viel im Gepäck zu unseren Drehs an.

ULI DECKER: Und dennoch wird es eine Momentaufnahme bleiben. Unsere Protagonistin in Argentinien sagt, sie kann uns nicht darauf vorbereiten, was passieren wird, kann aber garantieren, dass etwas passieren wird, wenn wir zum Dreh dort sein werden. Das Ganze ist gar nicht so einfach zu planen, weil vieles nicht abzusehen ist. Es geht nicht um einen Kampf, dessen Ende wir zeigen können, außer es haben 2027 plötzlich gute Frauen weltweit die Macht übernommen und die Despoten, die die Welt derzeit regieren, abgelöst.

 

Der Film wird aber vielleicht mehr Mitstreiter:innen auf den Weg bringen …

BERNADETTE WEBER: Auf der visuellen Ebene ist auf den Bildern, die wir bis jetzt einfangen konnten, der Pluralismus sehr gut sichtbar. Egal, wo wir hingehen, man sieht Menschen jeden Alters und Geschlechts. Es ist nicht etwas, das wir erst suchen müssen. Es ist gegeben. Die Hoffnung, dass Menschen zusammenkommen, sich auflehnen und für Gleichberechtigung aufstehen, existiert. Es ist wichtig, sie sichtbar zu machen und mehr Menschen zu animieren mitzumachen und die Hoffnung nicht zu verlieren.

ULI DECKER: Gleichzeitig achten wir darauf, keinen Propagandafilm zu machen und versuchen, eine beobachtende Distanz zu wahren. Es soll ein Film werden, der Mut macht, der verschiedene Wege zeigt, wie Menschen versuchen, eine für sie positivere Welt zu gestalten, trotz aller aktuellen Ereignisse auf diesem Planeten. Meiner Wahrnehmung nach gibt es gleichzeitig immer mehr Menschen, die verstehen, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen dürfen in Gruppierungen, die sich gegenseitig bekämpfen. Das wollen wir anklingen lassen.

 

Interview: Karin Schiefer

März 2026