Frau mit Brille und dunklem Blazer sitzt nachdenklich mit Kopf auf der Hand gestützt vor neutralem Hintergrund.
© Elliott Kreyenberg

Im Gespräch mit Regina Schilling zu ihrem neuen Dokumentarfilm-Projekt INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR

„Ihre Prosa ist damals nicht verstanden worden.“

 

2026 ist das Jahr von Ingeborg Bachmanns 100. Geburtstag. Für die Dokumentar-Filmemacherin Regina Schilling Anlass, vor allem für deren Prosatexte einen Resonanzraum zu schaffen. Für INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR durchforstet sie österreichische und deutsche Rundfunkarchive und begibt sich gemeinsam mit Sandra Hüller an Orte in Rom, wo die Schriftstellerin hätte gewesen sein können, um intuitiv dem Bachmann’schen Spirit nachzuspüren.

Sie haben erzählt, dass Sie schon sehr jung eine obsessive Leserin waren und sich sehr bald durch den vor allem männlichen Kanon der Romanliteratur gelesen haben. Die Begegnung mit Malina beschreiben Sie als ein besonderes Leseerlebnis. Was hat Sie bei Ingeborg Bachmann so beeindruckt?

REGINA SCHILLING: Ich erinnere mich sogar noch sehr genau an eine Szene in Malina, wo Bachmann eine Abschiedsszene zwischen der weiblichen Hauptfigur und Ivan beschreibt, an einer Ecke der Ungargasse. In allen Einzelheiten beschreibt sie diese Obsession und Abhängigkeit, diese sich selbst aufgebende Liebe zu Ivan. Ich habe mich so wiedererkannt in der Beschreibung eines Frauen-Innenlebens wie nie zuvor. Bei Bachmann dachte ich zum ersten Mal: „Das ist weibliches Schreiben.“ – was sie vielleicht gar nicht gerne hören würde. Sie hat sich immer dezidiert als ein Schriftsteller bezeichnet und war gegenüber dem Wort „Emanzipation“ äußerst skeptisch. Bachmann war für mich die erste Schriftstellerin, bei der ich dachte: „Da ist etwas ganz anders.“ Dass ein Text ein Gewebe ist, hat sie immer wieder betont, es wurde später in Literaturtheorien zum weiblichen Schreiben aufgegriffen, im Sinne des vernetzten, nicht hierarchischen Erzählens.

Ist Malina der wesentliche Text für dieses Filmprojekt geblieben?

REGINA SCHILLING: Das könnte ich so nicht sagen. Ich habe regelmäßig alles Neue, was nach Bachmanns Tod veröffentlicht wurde, gelesen. Eine wichtige Rolle im Film spielt Male oscuro. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit, ein sehr beeindruckender Text. Es gibt darin eine Rede an die männlichen Ärzte und deren Umgang mit Frauen und Krankheit. Themen, die uns heute beschäftigen, hat Bachmann schon in den sechziger Jahren beschrieben. Dazu kommen die Mythen und Geheimnisse, die sich um sie ranken. Natürlich war da auch der Reiz herauszufinden, was denn nun wirklich mit ihr los war. Diesen Anspruch habe ich bald ad acta gelegt und mir gesagt, ich lasse einfach ihre Texte und ihr Werk sprechen. Was über das Medium Film nicht so einfach ist.

INGEBORG BACHMANN – JEMAND, DER EINMAL ICH WAR ist nicht Ihr erstes filmisches Künstler:innenportrait. Mit welcher Prämisse nähern Sie sich einer Künstlerpersönlichkeit?

REGINA SCHILLING: Die spannendste Frage ist für mich: Woher kommt die Kunst? Was bringt einen Menschen dazu, zu sagen „Ich werde Musiker. Ich werde Künstler, ich werde Schriftstellerin“? Besonders interessant ist es dann, wenn man es nicht in die Wiege gelegt bekommt. Das hat mich zuvor bei Igor Levit oder beim Schauspieler und Autor Josef Bierbichler interessiert und nun bei Ingeborg Bachmann, die in einem kleinbürgerlichen Milieu aufgewachsen ist. Wie geht man mit der künstlerischen Gabe hinaus in die Welt? Und wie kann man damit leben? Die einen haben günstige Bedingungen, die anderen sehr ungünstige. Bachmann hatte definitiv ungünstige Bedingungen, um ein Werk zu schaffen.

Der Film hat den auf den ersten Blick irritierenden Untertitel Ein Dokumentarfilm mit Sandra Hüller. Hatten Sie früh die Idee, mit einer Schauspielerin zu arbeiten?

REGINA SCHILLING: Diese Zusammenarbeit ist zustande gekommen, weil ich Sandra Hüller schon sehr lange kenne. Ich habe viele Jahre in Köln ein großes internationales Literaturfestival organisiert, zu dem ich sie immer wieder eingeladen habe, bevor sie so ein Weltstar geworden ist. Sandra Hüller war ja immer schon eine phantastische Sprecherin. Beim Festival sind wir gelegentlich zusammengesessen und ich sagte mal zu ihr: „Du erinnerst mich an Ingeborg Bachmann. Irgendjemand muss einen Film mit dir über sie machen“. „Ja, das finde ich auch!“ sagte sie und meinte, ich solle ein Drehbuch schreiben. Das stand für mich als Dokumentarfilmemacherin nicht auf dem Programm. Zehn Jahre später nahte Ingeborg Bachmanns 100. Geburtstag und es kam der Vorschlag eines Filmprojekts von einer Redakteurin, die von meiner Bachmann-Leidenschaft wusste. Als erstes habe ich die Archivmateriallage erkundet. Im Gegensatz zu Elfriede Jelinek, über die es einen hervorragenden Film gibt, haben wir zu Ingeborg Bachmann nur einen Bruchteil an Materialien zur Verfügung. Da fiel mir das Gespräch mit Sandra Hüller wieder ein. Ich habe ihr mit wenig Zuversicht geschrieben, aber sie hat gleich zugesagt. Meinerseits bestand ursprünglich keinerlei Ambition, Richtung Spielfilm zu gehen. Es war also Neuland für mich, mit einer Schauspielerin zu arbeiten. Aber ich habe Sandra nicht inszeniert. Ich hoffe, man spürt das im Film. Ich habe nur Räume geschaffen, in denen sie sich bewegt. Hüller sagte über ihre Annäherung an Bachmann: „Ich spiele sie nicht, ich leihe ihr meinen Körper. Ich stelle mich zur Verfügung und höre ihr zu.“ Sie hatte beim Drehen ein Earpod mit Bachmann-Texten, die sie selbst eingelesen hatte, im Ohr. In vielen Szenen hört Sandra Hüller im Moment des Drehens 1:1 das, was wir als Zuschauer:innen im Film aus dem Off hören.

Im Konzept sprechen Sie auch von einer Form von Séance, in der Sie gemeinsam den Geist Ingeborg Bachmanns heraufbeschwören. Wie kann man sich die Arbeit am Hineinfühlen in diese Person vorstellen?

REGINA SCHILLING: Wir hatten neun Drehtage in Rom. In gewisser Weise haben wir es auf uns zukommen lassen. Die Vorbereitung mit Sandra bestand darin, für bestimmte Szenen bestimmte Texte bereitzustellen, die wir ihr mehr oder weniger spontan ins Ohr spielen konnten. Die meisten dieser Texte hat sie selbst ein paar Wochen vorher eingesprochen. Wir haben kurz über eine Szene gesprochen und dann ließ ich sie machen. Zwischendurch habe ich erzählt, was ich mir vorstellte oder über Bachmann wusste. Im Laufe der Drehtage haben wir gemeinsam überlegt, wie sich die Figur entwickelt. Auf keinen Fall wollten wir Ingeborg Bachmann als Opfer darstellen. Unsere Prämisse war: Wir lassen ihr ihre Würde und ihr Geheimnis. Diskretion war uns beiden wichtig.

Mit dem Team bin ich schon sechs Wochen vorher nach Rom gereist, wir haben uns einige Wohnungen angeschaut. In der, die wir dann ausgewählt haben, waren sehr viele Möbel schon drinnen. Wir haben uns gar nicht bemüht, die Wohnung 1:1 nachzubauen. Wir wollten nur, dass sie sich wie eine Bachmann’sche Wohnung anfühlt. Sie sollte genauso wie das Kostüm nur eine Anmutung sein. Zunächst wollte ich auch keine Perücke, dann fanden wir sie aber hilfreich, um eine Distanz aufzubauen. Ich wollte jedoch nicht den ikonografischen Haarschnitt von Bachmann. Hüller und Bachmann sollten immer auseinandergehalten werden. Meine Vorstellung war, Tableaus zu entwerfen, um Bachmanns Texte glänzen zu lassen. Tableaus, die eine Bühne für die Texte waren.

Es gibt einen interessanten Moment, wo ein Schwarzweiß-Foto von Ingeborg Bachmann in eine Schwarzweiß-Einstellung von Sandra Hüller in derselben Körperhaltung übergeht, und Sandra Hüller sagt, dass ihr diese Armhaltung keinen Handlungsspielraum erlaube …

REGINA SCHILLING: Ich wollte mich ganz grundsätzlich von einem üblichen Biopic absetzen und auf exaktes Reenactment verzichten. In diesem Moment machen wir uns über klassische Biopics, wo alles so präzis wie möglich der historischen Vorlage nachempfunden sein soll, ein bisschen lustig. Aber eigentlich mache ich mich über mich selbst lustig, weil ich tatsächlich wenig Ahnung davon habe, zu „inszenieren.“ Diese Schwarzweiß-Sequenz mit Hüller als Bachmann verkleidet, liefert aber vor allem eine Meta-Ebene, die sich mit der Frage auseinandersetzt: Was machen wir hier eigentlich? Wollen wir hier 1:1 eine Schriftstellerin zum Leben erwecken? Wer sind wir, uns das zuzutrauen? Wir wollten auf alle Fälle einen Verfremdungseffekt sichtbar machen.

Schön sind die tänzerischen Improvisationen und auch die Autofahrt raus aus Rom, die ein Gefühl von Freiheit vermitteln.

REGINA SCHILLING: Es freut mich, wenn es so wahrgenommen wird, denn das hat sich nach und nach entwickelt. Es gibt einen Ausschnitt in Malina, wo Bachmann in etwa schreibt: Das Buch, das ich zu finden hoffe, darin muss alles sein wie in Exsultate, jubilate! Das ist ein Zitat über das Schreiben selbst und was für ein tolles Gefühl es ist, wenn die Worte und die Buchstaben flimmern. Es geht da um den Flow. Der Tanz im Film war ein großer Wunsch von mir, ich hab ihn mir für Bachmann gewünscht. Was an ihr auffällt, wenn man das Archivmaterial sichtet, ist eine gewisse Gehemmtheit. Wenn sie spricht, dann wirkt ihre Stimme sehr gepresst und unsicher. Ich hab mir für sie gewünscht, dass sie durchatmen und ihren Körper spüren kann. Diese Tanzszene ist unser Geschenk an sie. Eine Utopie. Bachmann kannte gewiss die Qualen des Schreibens und das Prokrastinieren, mit Sicherheit hat sie aber auch Phasen des Flows gekannt.

Mit welchem Fokus sind Sie ans Archivmaterial gegangen? Mein Eindruck ist, dass die patriarchale Dominanz des damaligen Literaturbetriebs seitens der Kollegen und der Kritik stark herausgearbeitet ist?

REGINA SCHILLING: Darauf bin ich gestoßen, indem ich mich mit den Kritiken und Rezensionen ihrer Bücher befasst habe. Wenn wir uns heute in Archive setzen, dann fällt es (uns Frauen gewiss noch viel stärker) auf, wie männerdominiert alles gewesen ist. Ich habe durch meine bisherigen Filme sehr viel Erfahrung mit Archivmaterial. Manchmal frage ich mich, ob ich in der Steinzeit aufgewachsen bin. So ging es mir auch mit dem Bachmann-Material, das ich in deutschen und österreichischen Rundfunkstationen gefunden habe. Es gibt, wie schon erwähnt, nicht so viel von ihr. Ich habe fast alles benutzt. Es hat auch damit zu tun, dass sie lange nichts veröffentlicht hat. 1961 ist der Erzählband Das dreißigste Jahr erschienen und dann 1971 Malina. Diese Schaffenspause hatte mit ihrer Trennung von Max Frisch, mit ihrem Zusammenbruch und mit ihrem Kampf um den Stoff zu tun. Vieles von ihrem Todesarten-Projekt ist vor Malina geschrieben worden, sie hat es aber nicht in den Griff bekommen. Erst mit Malina hat sie einen Weg gefunden, wie sie das, was sie davor geschrieben hatte, danach veröffentlichen konnte. Außerdem ist sie 1973 mit 47 Jahren sehr früh gestorben. Auch dieses kurze Leben beschränkt die Menge des Archivmaterials, das zwar nicht üppig, auf seine Art und Weise dennoch sehr ergiebig war.

Das Archivmaterial vermittelt auch, was sie sich in Kritiken und in Interviews an Fragen hat gefallen lassen müssen – etwas, worüber sie sich in Malina auch lustig macht.

REGINA SCHILLING: Es sind auch männliche Autoren innerhalb der Gruppe 47 verrissen worden, aber es geschah mit einem anderen Vokabular. Der schlimmste Satz, auf den ich in einer Kritik gestoßen bin, war über Ein Schritt nach Gomorrha, eine Erzählung über eine lesbische Annäherung, sie lautete: „Dieser Erzählung haftet der Geruch des Klimakteriums an.“ Da war ich sprachlos. Das Bewundernswerte an Bachmann ist, dass sie einerseits sehr schüchtern und höflich war, gleichzeitig ist sie in ihren öffentlichen Auftritten auch schon sehr früh unglaublich mutig. 1961 liest sie in der Berliner Kongresshalle vor einem großen Publikum aus ihrer Erzählung Undine geht und trägt auf ihre höfliche, zurückgenommene Weise eine knallharte Abrechnung mit der Männerwelt in einem Saal vor, wo von 1000 Leuten 800 Männer sitzen. Ihr Mut hat mich am allermeisten beeindruckt. Sie musste sich da durchaus überwinden, sich vor ein Publikum zu stellen. Etwas in ihr hat aber bestimmt immer gesagt: „Hier bin ich, hört mich an und hört mir zu.“

Sie haben eine sehr interessante Auswahl an auch weniger bekannten Texten getroffen. Wie sind Sie bei der Auswahl vorgegangen?

REGINA SCHILLING: Der rote Faden in meiner Auswahl bestand in der Gegenwärtigkeit der Texte. Die hat mich überrascht. Bei Bachmann geht es schon sehr früh in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen (die ich nicht zitiere) um die Sprache. Sie sagt: Sprache ist ein Mordversuch an der Wirklichkeit. Das trifft genau unsere Gender-Diskussion heute. In ihrer Erzählung Simultan, nimmt sie schon 1972 vorweg, was wir heute dank Rebecca Solnit als Mansplaining bezeichnen. Alle Variationen von weiblicher Diskriminierung hat Bachmann sehr scharf und klug in ihren literarischen und nicht-literarischen Texten beschrieben. Es war mein größtes Anliegen, Bachmanns Aktualität hervorzukehren. Ich möchte allen jungen Frauen ans Herz legen, ihre Bücher zu lesen. Wie visionär ist sie gewesen! Und gleichzeitig wollte sie keine Feministin sein. Sie selbst hat gewisse weibliche Attribute sehr gepflegt und das Spiel bis zu einem gewissen Grad auch mitgespielt, aber in ihrem Denken war sie so visionär und so weit voraus.

Bachmann wurde manchmal nachgesagt, sie hätte keinen Humor. Ich finde, vor allem in ihren Erzählungen legt sie viel Humor an den Tag. Ihr Bruder, der noch am Leben ist, hat mir erzählt, dass die Inge immer so lustig gewesen sei. Die Welt kennt sie als ernste, schüchterne, zurückgenommene Person, die nicht gerne Interviews gegeben hat. Die Textauswahl führt vor Augen, dass sie mit ihren Themen zu früh war und scheitern musste, weil die Männer, besonders jene des Literaturbetriebs, aus ihr eine Projektionsfigur geschaffen haben. Sie wollten sie als Lyrikerin. Als Lyrikerin durfte sie groß sein, da durfte sie Weltliteratur schreiben und auf dem Podest stehen. Aber gute Prosa zu schreiben, das hat man ihr abgesprochen. Zu Unrecht. Ich finde ihre Gedichte großartig, ich halte aber ihre Prosa für noch viel bedeutsamer. Eine späte Ehrenrettung ihrer Prosa ist mir ein großes Anliegen.

Eine große Stärke des Films liegt darin, wie aus dem vielschichtigen Material eine Collage entsteht, in der sich oft mehrere Ebenen übereinanderlegen.

REGINA SCHILLING: Die größte Aufgabe in der Montage war am Ende das Weglassen, das Verdichten. Wir wollten im Schnitt erreichen, dass Sandra Hüller und Ingeborg Bachmann miteinander kommunizieren. Ich wollte eine Figur im Heute und eine im Damals und dass die beiden in Verbindung treten. In der ersten Arbeitsphase bestand die Aufgabe darin, Schneisen durch den Text zu schlagen, um einen roten Faden herauszuarbeiten. Und so war es dann auch in der Verbindung des Drehmaterials mit dem Archivmaterial, der Radiostimmen mit der Lesestimme. Ich hatte eine wunderbare Zusammenarbeit mit der Editorin Carina Mergens, mit der ich auch für meinen Film über Igor Levit zusammengearbeitet habe. Es war eine extrem beglückende, kreative Arbeit, weil wir beide sehr offen waren. Es war unfassbar schön, auch wenn es anstrengend war. Es war für mich, die ich eigentlich von der Literatur komme, das erste Mal, dass ich mich über ein Filmprojekt der Literatur angenähert habe. Mehr noch als anzunähern war es ein Versuch, vor allem über die Kunst des Weglassens zu vermitteln. Ich hätte mehr Texte hineinnehmen können, ich wollte aber, dass die vorhandenen Texte richtig bleiben und nicht nur durchrauschen.

Anja Plaschg verleiht der Musik noch eine ganz besondere Note, weil es für sie ja auch nicht die erste Berührung mit Ingeborg Bachmann ist …,

REGINA SCHILLING: Für mich war das eine Art Dreiklang: Ingeborg Bachmann – Sandra Hüller – Anja Plaschg. An Anja Plaschg habe ich sofort gedacht, weil sie ja schon in Die Geträumten, dem großartigen Film von Ruth Beckermann, Bachmanns Korrespondenz mit Paul Celan liest und für mich klar war, dass sie sich schon mit ihr auseinandergesetzt hat. Es gibt lange zuvor schon einen Song von Anja Plaschg, in dem ein Bachmann-Gedicht versteckt ist – nämlich Erklär mir Liebe in Englisch. Der Song heißt Creep und ist jetzt auch im Film. Es gab also schon Verbindungslinien, für beide war Ingeborg Bachmann ein künstlerischer Ansatzpunkt.  Anja Plaschgs suggestive Musik erzeugt immer wieder ein Innen und Außen. Sie ist ein nicht wegzudenkender Teil unserer Séance.

Wie Sie schon erwähnt haben, berührt Bachmann Themen, die heute gerade stark diskutiert werden. In Malina berührt sie in den frühen siebziger Jahren auch das Thema Gender-Fluidität.

REGINA SCHILLING: Absolut. Ich sehe zwei große Themenkomplexe bei Bachmann – Sprache und Identität. Bin ich ein Mann? Bin ich eine Frau? Das ist bei Bachmann ein großes Thema gewesen. Ich frage mich, was bei ihr zuerst da war: Das Gefühl, keine richtige Frau zu sein, weil sie einen so „männlichen“ Geist hatte? Sie war ja wirklich ein „Brain“. Es muss ihr sehr früh aufgefallen sein, dass sie anders als viele Mädchen war und erhielt vielleicht sehr früh das Etikett „Irgendetwas stimmt nicht mit ihr“.  Philosophie, Wissenschaft … das war zu ihrer Zeit eine Männerdomäne. Oder vielleicht ist sie eine fluide Person gewesen? Das wissen wir nicht. Was für sie später identitätsbestimmend war, das war die Gebärmutter-Entfernung mit 36. Heute weiß man, dass Hysterektomien damals viel zu früh durchgeführt wurden. Erst danach hat sie Texte geschrieben, wo sie die Frage stellt: Was bin ich eigentlich? Wo hat die Zuordnung angefangen? Es gibt noch sehr viel härtere Texte über ihren verstümmelten Körper in den Entwürfen zum Todesarten-Projekt, denn so hat sie ihn nach der OP empfunden.

Ingeborg Bachmanns 100. Geburtstag rückt näher. Denken Sie, dass man sie heute besser lesen würde?

REGINA SCHILLING: Ja, das glaube ich. Ich wünsche mir, dass alle Leute ihre Prosa lesen und dass man endlich aufhört, sie nur auf diesen Lyrik-Sockel zu stellen. In der Prosa ist ihr Genie, ihre extreme Begabung mindestens genauso zu finden. Sie hat früh gespürt, dass etwas aus ihr raus muss. Ich wollte zeigen, wie sie ihrem Werk verpflichtet war. Sie musste schreiben um jeden Preis.

Ich hätte ihr ein gelungeneres Leben gewünscht, mehr Resilienz, bessere Therapien. Ich glaube nicht, dass man eine umso bessere Schriftstellerin ist, je mehr Traumata man mit sich herumschleppt. Sie hätte ohne die Traumata, die sie erlebt hat, und wenn sie einem weniger chauvinistischen Literaturbetrieb ausgesetzt gewesen wäre, noch viel mehr vollbringen können. Ihre Prosa ist damals nicht verstanden worden, vor allem nicht von den Männern. Das hat meine Beschäftigung mit ihr ganz klar hervorgebracht. Die Frauen haben sie verstanden. Immerhin war Malina ein Bestseller.

 

Interview: Karin Schiefer

April 2026