
Im Gespräch mit Jessica Hausner zu ihrem neuen Film TOXIC
Welche Ideen haben wir im Kopf, die uns die Wirklichkeit schmackhaft machen?
Die Arbeitswelt. Sie sichert uns nicht nur Geld für Essen und Wohnen. Im besten Fall bringt sie auch Prestige, Identität und Lebenssinn; dem Credo der Produktivität werden Zeit, Energie und Freiheit bereitwillig untergeordnet. In Jessica Hausners scharfsichtiger Parabel TOXIC treibt das Prinzip des Profits das Handeln aller Figuren an: In vier Kapiteln und scheinbar grundverschiedenen Arbeitssettings verdichtet die Filmemacherin mit dunklem Humor die Macht und die Absurdität des grenzenlosen Wachstums.
Ihr neuer Film TOXIC setzt sich mit der Arbeitswelt und auch mit der Beziehung des Menschen zur Arbeit auseinander. War der Umstand, dass die Arbeit so stark zum identitätsstiftenden Faktor in unserer Gesellschaft geworden ist, die treibende Kraft in der Themenfindung?
JESSICA HAUSNER: Ich denke, ja. Ein Thema, das mich auch in meinen anderen Filmen oftmals beschäftigt hat, ist die Frage: Welche Ideen haben wir im Kopf, die die Wirklichkeit ordnen, die Sinn stiften und die uns die Wirklichkeit schmackhaft machen? Diese Ideen zu identifizieren, interessiert mich. Was bilden wir uns ein und was ist wirklich? Wie mächtig sind die Vorstellungen von der Welt? Was die Arbeitswelt konkret betrifft, denke ich, dass das Wirtschaftssystem, in dem wir leben, und unsere Art, uns mit Arbeit zu identifizieren, mit einer Art Religion vergleichbar ist. Oder mit einer Ideologie, einer ganz starken Idee im Kopf, über die wir Sinn erfahren. Das visuell darzustellen, finde ich spannend. Mich interessiert die Lücke zwischen den Fragen Was glaube ich? Was glauben andere über mich? und Wie sehr gestaltet das dann meine Wirklichkeit?
In Ihren bisherigen Filmen stand eine Protagonistin im Mittelpunkt der Handlung. Die von TOXIC haben Sie in vier Kapitel, in vier Settings strukturiert. Haben die Komplexität der Arbeitswelt und die Diskrepanzen zwischen zuviel Geld auf der einen, zu wenig Bezahlung auf der anderen Seite, zu viel oder zu wenig Lebenszeit, die in die Arbeit einfließt, diese Aufteilung auf vier Settings notwendig gemacht, um die Spannungen herauszuarbeiten?
JESSICA HAUSNER: Die vier Settings helfen dabei, ergänzende oder auch widersprüchliche Perspektiven zu erzählen. Das Thema ist komplex. Es ist aber auch ein Konzept, das mich in Zukunft interessieren wird. Eine Geschichte muss eigentlich aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Das ist nichts Neues, das gibt es im Filmemachen schon sehr lange. Mir kommt vor, dass unsere Zeit heute nach so einer Form verlangt. Den Satz Das ist die wirkliche Wirklichkeit in Frage zu stellen, ist eines unserer Hauptthemen. Was ist wahr? Was ist falsch? Diese Frage ist in aller Munde, viele Leute sind verunsichert. Gehört man zur einen Bubble? Oder zur anderen, die mit der einen spinnefeind ist? Die Spaltung der Gesellschaft in kleine ideologische Gruppen hat mich zu dieser Form in vier Kapiteln inspiriert, zurzeit kann man einen Film eigentlich nur so machen. Es gibt diese Meinung, jene Perspektive, diese Erfahrung. Wo ergänzen und wo widersprechen sie einander?
Wie lassen sich die vier Settings von TOXIC charakterisieren?
JESSICA HAUSNER: Ein Setting beschäftigt sich mit den Angestellten einer Werbeagentur, die so beseelt sind von der Wichtigkeit ihrer Arbeit, dass sie sich selbst ausbeuten und dabei noch glauben, das freiwillig zu tun. Die zweite Episode spielt in einer Müllverarbeitungsfirma, wo es um die Anschaffung von einem neuen technologischen Gerät geht, das dazu führt, dass der Wert der Arbeit in Frage gestellt wird. Es geht um ein Rationalisierungs-Thema durch Technologie, dem die altmodische Haltung eines der Arbeiter entgegensteht, der sich noch als Teil der Firma fühlt. Auch da geht es um Glauben. Um den Glauben, zur Firmenfamilie zu gehören und wertvolle Arbeit zu leisten. In der dritten Episode sind zwei Pflegerinnen in einem Altenheim die Protagonistinnen, die unter dem ökonomischen Druck leiden, weil Personal gespart wird und alle überfordert sind. Eine junge, neue Pflegerin versucht dennoch ein guter Mensch zu sein und sich gegen diesen Druck zu stellen. In der letzten Episode ist eine reiche Erbin die Hauptfigur: die ersten drei Episoden sind durch einen Investor miteinander verbunden, der in alle drei Firmen investiert hat. Als er stirbt, erbt seine Frau alles und beschließt, die Dinge zu ändern und ihrer Vorstellung gemäß gerechter zu agieren.
Über allem schwebt seit einiger Zeit das Schlagwort der Work-Life-Balance. Ich glaube herauszulesen, dass Sie von Menschen und Initiativen erzählen, die versuchen, einen Ausgleich zu schaffen. Jede Bemühung, etwas auszugleichen, kippt aber in ein neues, absurdes Extrem. Ist die Absurdität ein wichtiger Ton in TOXIC?
JESSICA HAUSNER: Ich habe erst vor kurzem einen Artikel gelesen, der auf den Ökonomen John Maynard Keynes verweist. Er hat zu Beginn des 20. Jhs. vorhergesagt, dass die Menschen in etwa fünfzig Jahren nur noch fünfzehn Wochenstunden zu arbeiten hätten, weil so viel von Maschinen erledigt würde, und die Menschen demnach viel mehr Freizeit hätten. Interessanterweise ist genau das Gegenteil passiert: Die Menschen arbeiten immer mehr und haben immer mehr. Da steckt ein seltsamer Turbo-Gedanke dahinter. Durch meine Kapitalismus-Recherche habe ich nun besser verstanden, dass unser System so lange funktioniert, solange immer mehr produziert wird. Das Mehr hält unser System am Laufen. Dies scheint aber nun ein Problem zu werden. Mehr von Mehr ist irgendwann zu viel. Vor allem wenn eine immer kleinere Oberschicht den Gewinn abschöpft und immer mehr Leute zurückbleiben, die nur noch sehr viel arbeiten und gar nicht viel davon haben. Das dürfen sie sich aber nicht eingestehen, weil sie dann als faule Siebenschläfer gelten. Weniger zu arbeiten, wird in unserer Gesellschaft auch moralisch bestraft.
Die Wahrnehmung von Arbeit hat sich aber auch von der materiellen Notwendigkeit zur Sinnerfüllung gewandelt. In der letzten Episode entsteht der Eindruck, dass eine Arbeitssituation, wo man nicht von zu viel Arbeit überrollt wird, auch unglücklich macht.
JESSICA HAUSNER: Das ist es, was ich zeigen möchte: Dass es nicht naturgegeben ist, sondern dass hier unsere Ideologie zum Tragen kommt. Was erachten wir als sinnvoll? Welche Art der Beschäftigung hat welches Ansehen und welche Entlohnung in unserer Gesellschaft? Da unser Wirtschaftssystem nur dann funktioniert, wenn von viel noch mehr produziert wird, entstehen immer mehr sogenannte Bullshit-Jobs, die einfach unbefriedigend sind. Der Untertitel von TOXIC wäre Profit & Loss, es gibt vielleicht noch andere Überlegungen zum endgültigen Titel. Profit ist eigentlich das entscheidende Schlagwort, um das es geht. Solange immer mehr Waren produziert werden müssen, um Profit zu generieren, müssen Leute mehr arbeiten. Leïla, die Figur in der letzten Episode, reißt mal kurz den Vorhang runter und sagt: Meine Arbeit ist eigentlich sinnlos.
TOXIC ist im Drehbuch auch in einer doppelten Bedeutung zu verstehen: es geht um toxische Arbeitsbeziehungen, um ein toxisches Verhältnis zur Arbeit, aber auch um das konkrete Gift, sei es in der Umwelt, sei es über die Medikamente, die im Seniorenheim verabreicht werden. Auch wenn es vielleicht nicht der endgültige Titel bleibt, was hat den Begriff „toxic“ zumindest zum Arbeitstitel gemacht?
JESSICA HAUSNER: Der Ausgangspunkt für diesen Film war eine Geschichte über „toxic workers“; das sind überehrgeizige Mitarbeiter*innen, die auch mit unfairen Mitteln arbeiten, um besser abzuschneiden als ihre Kolleg*innen. Sie sind extrem effizient, schaden aber eigentlich einer Firma, weil das Über-Erfüllen von Aufgaben für eine Firma nicht gut ist. Erstens sind Überstunden teuer, zweitens werden die anderen Kolleg*innen demoralisiert. Das nennt man toxische Arbeit. Hohe Performer mit gutem Output, aber toxisch zu ihrer Umgebung. So hat mein Denkprozess angefangen: Warum ist es toxisch, zu viel zu arbeiten? Die Haltung, die dahinter steht, der Ehrgeiz, der Druck, den man sich selber macht. Ausgehend davon habe ich das Thema dann ausgeweitet.
Jessica Lind ist die Koautorin des Drehbuchs. Ist es Ihre erste Zusammenarbeit mit ihr?
JESSICA HAUSNER: Jessica Lind hat für Little Joe mit mir gemeinsam die Recherchen gemacht und war für diesen Film auch Dramaturgin. Da diese Zusammenarbeit sehr fruchtbar war, ist Jessica nun Koautorin von TOXIC. Wir vertiefen unser gemeinsames Arbeiten an Geschichten.
Sie ist auch die Koautorin von Magdalena Lauritschs Science Fiction-Film Rubikon; auch bei der Episode über die Müllverarbeitungsanlage blitzen Sci-Fi Elemente auf. Ist dies ein Aspekt, der Sie verbindet? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?
JESSICA HAUSNER: Wir haben es schon bei Little Joe sehr lustig miteinander gehabt. Der Film hat sich ja zumindest am Rande des Sci-Fi-Genres bewegt. Jessica Lind und ich treffen uns gedanklich und stilistisch, weil wir beide nicht auf einer sozial-naturalistischen Ebene erzählen. Wir nennen unsere Erzählweise „elevated realism“. Es geht um Überhöhung und Vereinfachung. Eine Art Abstraktion in der Erzählung. Ähnlich wie in Parabeln können dadurch Inhalte auf ihren universellen Kern verdichtet werden. Diese Art des Erzählens liegt uns beiden und auf dieser Ebene können wir sehr gut kommunizieren.
Dass Ansätze zu einer Verbesserung der Lage letztendlich in einer unlösbaren, absurden Situation enden, verdeutlichen Sie auch durch den Umstand, dass in jeder Episode Protagonist*in und Antagonist*in von derselben Darsteller*in verkörpert werden. Wie kam es zu dieser Idee? Was bedeutet das fürs Schreiben, wenn in jeder Einstellung nur eine der beiden Figuren sein darf?
JESSICA HAUSNER: Obwohl vieles heute über digitale Nachbearbeitung herzustellen wäre, macht es mir Spaß, mich vom surrealistischen Film inspirieren zu lassen, wo Dinge einfach über den Schnitt gelöst werden. Es liegt ja ein Witz darin, eine Einstellung zu drehen, dann der Darstellerin eine Perücke aufzusetzen und den Gegenschuss zu drehen. Die Idee besteht gar nicht darin, die zwei Figuren ganz streng voneinander abzugrenzen, sondern mit zwinkerndem Auge zu sagen „Es ist eh dieselbe Person“. Einmal hat sie einen Kittel, einmal einen Pulli an. Es verweist auch auf die Zufälligkeit, ob ich auf der einen oder auf der anderen Seite stehe. Es kommt darauf an, wo ich hineingeboren, wie ich erzogen, sozialisiert wurde, welche Chancen sich dann im Leben ergeben haben. Am Ende bin ich entweder die reiche Erbin oder die Angestellte im Spielwarengeschäft.
Arbeitsprozesse zu erzählen, rufen nach Realismus. Sie erwähnen in Ihrem Konzept auch Jacques Tati, der (neben dem Humor) eher auf eine Stilisierung im Studio verweist. Planen Sie für den Dreh eine Mischung aus on location und Studio?
JESSICA HAUSNER: Ich würde sehr gerne im Studio drehen, um die Künstlichkeit zu betonen. Das ist nur leider sehr teuer geworden. Bau- und Personalkosten sind enorm, mal sehen, ober wir dafür das Geld auftreiben. Ich denke, es wird eine Mischung werden. Die Villa West der reichen Erbin werden wir on location drehen. Wir werden uns eine Ästhetik überlegen, die es ermöglicht, auch an Originalschauplätzen eine Künstlichkeit herzustellen. Man kann so drehen, dass es nicht unterscheidbar ist, ob in einem Studio gebaut oder an einem Originalschauplatz gedreht wurde. Man muss nur den richtigen Ort finden, der von sich aus eine gewisse Eigenart mitbringt. Die Schule in Club Zero war eine sehr untypische Schule, was zum „elevated realism“ beigetragen hat.
Die Zusammenarbeit mit den Departments beginnt in Ihren Filmen immer sehr früh. Wo liegen da gerade die Schwerpunkte?
JESSICA HAUSNER: In der Ausstattung haben wir uns mit der Studioidee beschäftigt. Das Studio würde es auch ermöglichen, dass die vier Episoden miteinander verbunden werden, weil sie von der Ästhetik her verwandt sind. Einer unserer Key-Begriffe ist Abstraktion: Durch die Reduktion der Gegenstände im Bild erreicht man schon eine sehr interessante Überhöhung. Diese Art von Überhöhung ist es, was wir suchen. Die Kostüme werden ebenfalls wieder farblich und stilistisch pointiert sein. Wir werden auch mit Weiß in den Kostümen operieren, was witzige Kontraste mit farbigen Hintergründen ergeben kann.
Wird die Reduktion stärker als in bisherigen Filmen sein?
JESSICA HAUSNER: Das weiß ich noch nicht. Diese Frage stelle ich mir gerade. Wenn wir im Studio drehen, dann gäbe es die Möglichkeit, stärker als früher zu abstrahieren. Das würde mir gefallen. Vielleicht ist es aber Teil meines Stils, die Künstlichkeit mit realistischen Elementen zu durchmischen. Das muss ich erst feststellen. In den Filmen von Maya Deren, die ich so schätze, gibt es auch kein naturalistisches Szenario. Da ist ein Tisch, ein Messer, der Griff zum Messer und ein Trommelschlag. Das trifft für mich so vieles auf den Punkt. Markus Binder wird wieder die Kompositionen machen, Maya Deren ist einmal mehr eine Inspirationsquelle für uns. Musik wird wieder wie in Club Zero eine eigene Stimme haben, quasi ein eigener Schauspieler in den Szenen sein. Es werden aber andere Instrumente und andere Stile als in Club Zero zum Einsatz kommen. Dass die Musik kratzbürstig gegen die Handlung geht oder sie witzig kommentiert, das wird sehr spürbar sein.
Wo stehen Sie mit der Besetzung der Hauptrollen?
JESSICA HAUSNER: Drei Schauspieler*innen haben bereits fix zugesagt: Emily Beecham (in Little Joe die Hauptfigur Alice), die die sich selbst ausbeutende Angestellte in der Werbeagentur spielen wird. Ben Wishaw (er hat in Little Joe Chris, den Mann der Hauptfigur gespielt) für den Angestellten in der Müllverarbeitungsfirma und Tim Blake Nelson, ein amerikanischer Schauspieler, dessen komödiantisches Talent ich toll finde, er wird Dr. Liner spielen, eine der älteren Herrschaften im Pflegeheim.
Auch in der Besetzung setzt sich also ein Teamgedanke durch?
JESSICA HAUSNER: Jeder Film ist ein neues Abenteuer, aber mit Leuten zu arbeiten, die man schon kennt, ist auch sehr beglückend, weil man im Laufe der Zeit eine gemeinsame Sprache entwickeln kann und man sich an den richtigen Stellen ergänzt. Emily Beecham bringt eine Qualität mit, von der ich abhängig bin: Weil meine Szenen wie ein Ballett oder ein Kabuki Theater durchkomponiert sind, brauche ich Schauspieler*innen, die etwas ganz berührend Glaubwürdiges, Feines und Mitreißendes haben. Es gibt bei mir keine biografischen Details, keine Backstories. Ich brauche Schauspieler*innen, die, ohne übertrieben zu sein, sehr expressiv mitreißen können und eine große Lebendigkeit haben. Emily Beecham und Ben Wishaw haben das.
Wann werden Ihre Schauspieler*innen vor der Kamera stehen?
JESSICA HAUSNER: Ich hoffe Anfang 2027.
Interview: Karin Schiefer
Dezember 2025
Fotocredit: ©Barbara Seyr