
Im Gespräch mit Elke Groen zu ihrem neuen Film STÄRKER ALS DIE ANGT
„Sie steht für Haltung, Menschlichkeit und Mut.“
Anna Hackl war 14, als ihre Mutter zwei flüchtige KZ-Häftlinge gegen den Willen ihres Mannes auf ihrem Dachboden versteckte. Andreas Grubers filmische Aufarbeitung der Mühlviertler Menschenjagd in den neunziger Jahren war ein Signal für Anna, ihre Erfahrungen als Zeitzeugin zu teilen. Elke Groen ruft in STÄRKER ALS DIE ANGST die Ereignisse zwischen Winter und Sommer 1945 in Erinnerung und lässt das Portrait einer außergewöhnlichen Frau entstehen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, vor Krieg und Unmenschlichkeit zu warnen, mit jungen Leuten einen Dialog über Toleranz und Wachsamkeit zu führen.
STÄRKER ALS DIE ANGST greift auf dokumentarische Weise die Mühlviertler Menschenjagd auf und rückt eine Familie in den Mittelpunkt, der es gelungen ist, zwei der entkommenen Häftlinge bis Kriegsende zu verstecken. Anna Hackl war damals vierzehn. Wer ist Ihre Protagonistin?
ELKE GROEN: Auf einer Veranstaltung zum Thema Widerstandskämpferinnen ist mir Anna Hackl erstmals aufgefallen. Ihre Ausstrahlung war beeindruckend und ich habe sie einfach angesprochen – ganz ohne zu wissen, wer sie ist. Erst später habe ich erfahren, dass sie als junges Mädchen die Mühlviertler Menschenjagd miterlebt hat. Bei meiner Recherche habe ich dann erlebt, wie sehr Anna die Bühne liebt – und mit welcher Eindringlichkeit sie ihre Geschichte erzählt – besonders jungen Menschen gegenüber. Ich glaube, das liegt nicht nur an ihrer ausdrucksvollen Präsenz, sondern auch daran, dass sie das Erlebte aus ihrer Erinnerung als Vierzehnjährige erzählt. Sie schlägt damit eine Brücke zu den Jugendlichen – auch wenn diese 80 Jahre später in einer völlig anderen Welt leben. Was Anna auszeichnet, ist auch ihr Humor: klug, manchmal trocken, oft überraschend. Das macht sie zu einer großartigen Protagonistin. Besonders berührend zeigt sich ihre Biografie: Bis zu ihrem 70. Lebensjahr war sie Landwirtin. Das war vorgegeben und unumstößlich. Erst als Andreas Gruber 1994 mit Hasenjagd die Geschichte der Familie Langthaler einem größeren Publikum bekannt machte, wurde ihr ihre Rolle als Zeitzeugin wirklich bewusst. Heute freut sich Anna über jede Einladung. Im vergangenen Jahr nahm sie 66 Auftritte wahr. Hinter ihrem Engagement steht der Wunsch, jungen Menschen eine klare Botschaft mitzugeben: Nie wieder Krieg.
Worin besteht die Verbindung zwischen der Geschichte der Familie Langthaler und der Mühlviertler Menschenjagd?
ELKE GROEN: Der Ausbruch aus dem KZ Mauthausen im Februar 1945, vormals als „Mühlviertler Hasenjagd“ bezeichnet, gilt als der einzige kollektive Ausbruch dieser Art aus einem Konzentrationslager. Im sogenannten Todesblock waren ausschließlich Offiziere der Roten Armee inhaftiert – es waren Männer, die sich geweigert hatten, für die Deutschen zu kämpfen. Kaum vorstellbar, aber sie wurden noch brutaler behandelt als andere Häftlinge und wussten, dass sie keine Überlebenschance hatten. Ihren Ausbruch kann man als Akt letzten Widerstands verstehen, denn diese Flucht zu überleben, war nicht realistisch. Barfuß, bei Schnee, schlugen sie sich durch Felder und Wälder, in der Hoffnung, irgendwo Unterschlupf oder Hilfe zu finden. Die SS reagierte mit einem massiven Aufgebot und hetzte in einer beispiellosen Propagandaaktion die Bevölkerung auf. Die Chancen der 500 Geflüchteten waren sehr gering, denn im Schnee ließen sich ihre Spuren leicht verfolgen. Trotz Androhung der Todesstrafe gab es Menschen, die halfen. Manche stellten Schuhe vor die Tür, andere hängten Jacken über Wäscheleinen. Annas Mutter, Maria Langthaler, hatte innerhalb der Familie klar angekündigt, dass sie jemanden aufnehmen würden, sollte jemand anklopfen. Am nächsten Morgen klopfte es. Maria Langthaler gab dem Mann zu essen, dann redete sie mit ihrem Ehemann. Er war strikt dagegen. Doch Maria blieb standhaft. Sie setzte sich durch, wohl wissend, dass diese Entscheidung das Leben der ganzen Familie bedrohen würde. Gerade darin liegt für mich ihre außergewöhnliche Stärke. Aus dieser einen Entscheidung wurde ein monatelanges Risiko: Bis zum Kriegsende im Mai versteckte die Familie zwei Männer auf dem Dachboden. Immer wieder wären sie fast aufgeflogen. Dass sie überlebten, war Glück.
Was die Geschichte der Familie Langthaler so interessant macht, ist der Umstand, dass die Frage zu helfen oder nicht zu helfen, schon allein innerhalb einer Familie Dynamiken von Für und Wider in Gang bringt: Die Eheleute sind sich nicht einig, soweit ich verstanden habe, gab es auch unter den Kindern sehr unterschiedliche Haltungen … Man stellt es sich simpler vor, Widerstand zu leisten.
ELKE GROEN: Ja, es gab innerhalb der Familie durchaus Ambivalenzen und unterschiedliche Haltungen. Gleichzeitig befinde ich mich hier noch bewusst in einer offenen Haltung, weil die Dreharbeiten erst bevorstehen. Ich möchte nicht vorwegnehmen, welche Aspekte Anna im Laufe des Drehprozesses öffnen wird. Unabhängig davon ist es mir wichtig, die Vielschichtigkeit der familiären Situation sichtbar zu machen. Zum Beispiel gab es einen Bruder, der in einem nahegelegenen Lazarett stationiert war und gelegentlich nach Hause kam. Er wurde nicht eingeweiht – aus Sorge, seine Reaktion nicht einschätzen zu können. Diese Zurückhaltung verweist auf die komplexen innerfamiliären Spannungen jener Zeit.
Sie haben Annas guten Draht zu Jugendlichen eingangs erwähnt. Wird ihre Begegnung mit Jugendlichen neben der familiären Geschichte eine wesentliche erzählerische Säule von STÄRKER ALS DIE ANGST sein?
ELKE GROEN: Die Gespräche zwischen Anna und Schulklassen ziehen sich wie ein Leitmotiv durch den Film. Die Schule wird zum Resonanzraum für Annas Geschichte. Ihre Erzählung folgt einer klaren inneren Dramaturgie, mit Spannungsbögen und Momenten der Entlastung. In diesem Sinn ist sie vorhersehbar. Unvorhersehbar ist jedoch, was diese Geschichte in den Schüler*innen auslöst. Meine Aufgabe sehe ich darin, in der Schule einen Raum zu öffnen, in dem Zuhören, Fragen und Nachdenken möglich werden. Die Zuhörenden kommen dabei nicht ausschließlich aus einem österreichisch geprägten Umfeld, sondern auch aus Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien oder aus der Ukraine – Regionen, in denen Krieg und Flucht Teil der eigenen Gegenwart oder Familiengeschichte sind. Um mit den Schüler*innen im Vorfeld intensiver arbeiten zu können, habe ich mich nach einer Schule im Raum Wien umgesehen. Das Interesse war überall groß, besonders bemerkenswert war für mich die hohe Wertschätzung, mit der die Lehrenden diesem Austausch begegnen. Eine der Geschichtslehrerinnen erzählte mir, dass ihre Klassen immer dann besonders aufmerksam sind, wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht. Das empfinde ich als starkes Zeichen: Die Zeit der Verschwiegenheit und des Wegsehens scheint vorbei. Die Enkel und Urenkel der Kriegsgeneration beginnen, Fragen zu stellen – sie wollen wissen, was damals wirklich geschehen ist.
Kann man von der ersten Generation sprechen, die nicht mehr vom transgenerationalen Trauma des Zweiten Weltkriegs betroffen ist?
ELKE GROEN: Jein. Ob man von einer ersten „unbelasteten“ Generation sprechen kann, hängt stark von den jeweiligen Familien ab. Traumatische Erfahrungen können weitergegeben worden sein – selten durch Erzählungen, sondern mehr durch ihr Schweigen. Gleichzeitig erleben wir, dass Jugendliche heute freier fragen. Die zeitliche Distanz erlaubt es erstmals, sich von Schuld und Scham zu lösen und einen Gedanken zuzulassen, der früher kaum auszuhalten war: Dass der Opa zugleich Teil eines Systems der Gewalt gewesen sein könnte. Diese neu gewonnene Distanz trifft nun auf eine Gegenwart, in der Krieg wieder real geworden ist. Mit der andauernden militärischen Aggression in der Ukraine – und angesichts globaler Machtverschiebungen durch autoritäre Regime in Russland, China oder auch den USA – wird Geschichte plötzlich nicht mehr abstrakt, sondern dringlich. Europa galt lange als selbstverständlich sicher. Dass heute wieder von Verteidigung die Rede ist, verändert den Blick. Und vielleicht ist es gerade diese Kombination aus größerer Offenheit gegenüber der Vergangenheit und einer neuen Bedrohung in der Gegenwart, die das Thema für junge Menschen heute so virulent macht.
Sie haben mit Anna Hackl eine Protagonistin, die Mitte neunzig ist. Was bedeutet das Alter Ihrer Protagonistin für den Dreh?
ELKE GROEN: Es verlangt vor allem Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme. Mir ist es beim Dreh sehr wichtig, auf Annas Bedürfnisse einzugehen. Deshalb haben wir pro Drehtag Interviews von maximal einer Stunde geplant. Anna ist außergewöhnlich energiegeladen, dennoch ist es wichtig, behutsam mit ihren Kräften umzugehen. Obwohl sie teilweise ausdauernder als ich sein kann. Bei einem Besuch wollte sie mir noch etwas im Garten zeigen – wir standen lange, sie erzählte von ihrer ersten Reise mit 70 Jahren. Ich war es, die schließlich vorschlug, sich zu setzen. Anna hingegen zeigte keinerlei Ermüdung.
Hat sie in den Erinnerungen an diese Monate im Winter 1945 auch die Angst aufzufliegen thematisiert?
ELKE GROEN: Zu Beginn hat sie die Frage nach der Angst meist entschieden verneint. Sie sagte, man habe sich Angst nicht erlauben dürfen. Dieser Satz hat mich sehr berührt, weil er viel über die innere Haltung erzählt, die nötig war, um zu überleben. Erst später öffnete sich eine konkrete Erinnerung: der Moment, als in einem nahegelegenen Ort eine Bombe fiel und sie den starken Impuls verspürte, in den Keller zu laufen. Solche Erzählungen zeigen sich vorsichtig und in ihrem eigenen Tempo. Gerade deshalb ist mir eine verantwortungsvolle Arbeitsweise besonders wichtig. Ich gehe davon aus, dass Anna einige ihrer Erinnerungen entweder noch nie oder seit sehr langer Zeit nicht mehr ausgesprochen hat. Um sie nicht zu überfordern oder zu retraumatisieren, arbeite ich im Vorfeld eng mit einer Psychotherapeutin zusammen. In einer vorbereitenden Sitzung bespreche ich meine Fragen, reflektiere mögliche emotionale Reaktionen und erhalte so wichtige Hinweise, wo Zurückhaltung geboten ist.
STÄRKER ALS DIE ANGST wird aus mehreren Ebenen bestehen: Welche wird es neben Interviews und Schulklasse noch geben?
ELKE GROEN: STÄRKER ALS DIE ANGST arbeitet auf mehreren Erzählebenen. Neben den Interviews mit Anna Hackl und der Auseinandersetzung mit einer heutigen Schulklasse gibt es eine dritte zentrale Ebene: Szenen aus Andreas Grubers Spielfilm HASENJAGD. Dieser Film vermittelt auf eindringliche Weise, mit welcher brutalen „Effizienz“ die nationalsozialistischen Befehlshaber und ihre Helfer die geflüchteten Häftlinge entmenschlichten. Die dort erzeugten Atmosphären tragen die Geschichte emotional voran. Besonders stark wird das in Momenten, in denen sich Vergangenheit und Gegenwart berühren: Etwa, wenn Michail, einer der versteckten Häftlinge, im Spielfilm erstmals die Küche betritt – und wir im Anschluss Anna im Heute genau an jenem Ort sehen, an dem sie damals gesessen ist, während sie erzählt, wie sie diese Situation erlebt hat. Diese Überlagerung von Spiel- und Dokumentarfilmebene macht für mich die Stärke der Dokudrama-Form aus. Sie bringt uns Anna nahe und lässt zugleich die Atmosphäre jener Zeit spürbar werden. Annas Erzählung steht nicht für sich allein. Dokumente mit den Originalstimmen von Maria Langthaler und Michail Rybčinskij, dem ukrainischen Offizier, treten mit ihr in einen Dialog, widersprechen, vertiefen und erweitern sie. Aus diesem Zusammenspiel entsteht ein vielstimmiges Erinnern, offen, brüchig und zutiefst menschlich.
Wie kam es, dass sich die Familie und die beiden geretteten Männer zwanzig Jahre lang aus den Augen verloren haben?
ELKE GROEN: Nach Kriegsende fiel der Wohnort der Familie Langthaler in das Gebiet der sowjetischen Besatzung. Die beiden geretteten Offiziere arbeiteten zunächst noch für die russische Kommandantur, dann mussten sie abreisen. Sie hatten Angst davor, zurückzukehren, denn Stalin bezeichnete sowjetische Kriegsgefangene als Verräter. Sie wurden in sogenannte Filtrationslager geschickt, um zu überprüfen, ob sie Spione waren. Viele von ihnen überlebten diese zweite Verfolgung nicht. Michail und Nikolaj hatten Glück: Sie konnten in ihre Heimatstädte Kiew und Luhansk zurückkehren. Warum sie über Jahrzehnte keinen Kontakt aufnahmen, bleibt ein großes Fragezeichen. Denn in den 1950er-Jahren wurden die Überlebenden in der UdSSR nun öffentlich als Helden anerkannt. Doch die beiden von Annas Familie geretteten Männer meldeten sich nicht. Erst Jahre später fand einer von Annas Brüdern eine Spur: Er arbeitete an einem Denkmal für Mauthausen. Bei der Enthüllung kam es zu einem Gespräch mit Vertreter*innen der sowjetischen Botschaft, in dem er erwähnte, dass seine Familie zwei Männer gerettet hatte. Daraufhin wurde die Botschaft aktiv, und in einer Zeitung erschien ein Artikel mit der Überschrift Österreichische Mutter sucht ihre Söhne. Erst dadurch meldeten sich Michail und Nikolaj. Sie durften schließlich an einer Befreiungsfeier in Mauthausen teilnehmen – man muss sich vergegenwärtigen, dass all das während des Kalten Krieges geschah.
Dem Drehkonzept entnehme ich, dass es Ihnen ein Anliegen ist, über Schüler*innen, die vor dem Ukraine-Kriegs nach Wien geflüchtet sind, eine Verbindung zur Kriegsrealität der Gegenwart herzustellen. Welche Gedanken stehen da im Raum?
ELKE GROEN: Mir geht es zunächst darum, sichtbar zu machen, dass Krieg keine historische Ausnahme ist, sondern eine sich wiederholende Realität. Wir dürfen nicht glauben, dass wir davor gefeit sind. Geschichte ist nicht vorbei, sie wirkt fort. In den Schulklassen treffen Kinder und Jugendliche aufeinander, deren Lebensrealitäten sehr unterschiedlich sind. Einige der ukrainischen Schüler*innen haben eigene Kriegserfahrungen gemacht. Indem sie Anna begegnen, entsteht ein Raum, in dem sich das Damals und das Jetzt berühren. Mich interessiert dieser Dialog: Was bedeutet Krieg für jemanden, der ihn als junges Mädchen erlebt hat, und was bedeutet er für junge Menschen, die gerade erst davor geflohen sind? Ich weiß nicht, wie präsent die Erfahrungen der ukrainischen Schüler*innen ihren Mitschüler*innen sind. Aber genau hier liegt für mich ein wichtiger Ansatz: Verständnis zu schaffen, Empathie zu ermöglichen. Gerade jetzt, wo Aufnahmezentren für Geflüchtete geschlossen werden, obwohl der Krieg nicht endet, sondern brutaler wird, erscheint mir dieser Perspektivenwechsel dringend notwendig. Vielleicht wird durch diese Begegnungen spürbar, welches Trauma Anna bis heute in sich trägt – und welches die jungen Menschen aus der Ukraine gerade erst zu verarbeiten beginnen.
In Ihrem Regiestatement schreiben Sie, Anna Hackl ist eine Frau, die Sie gerne als Großmutter gehabt hätten. Warum?
ELKE GROEN: Anna ist eine offene, tolerante Frau, tief verwurzelt in einer traditionsverbundenen Familie – und zugleich geprägt von einer Neugier, die alles zu überstrahlen scheint. Was mich besonders beeindruckt, ist ihre Emanzipiertheit. Sie ist in einer Zeit und in einem Umfeld aufgewachsen, in dem weibliche Selbstbestimmung keineswegs vorgesehen war. Gerade im Vergleich zu vielen Frauen ihrer Generation wirkt sie erstaunlich frei in ihrem Denken und Handeln. Diese innere Unabhängigkeit macht sie für mich so außergewöhnlich. Mit ihren 94 Jahren ist sie für mich eine zutiefst inspirierende Figur. In einer Zeit, die von Krisen und Verunsicherung geprägt ist, steht sie für Haltung, Menschlichkeit und Mut. Solche Frauenfiguren fehlen uns – wir brauchen sie dringend.
Interview: Karin Schiefer
Jänner 2026