Sowohl als Regisseur als auch als Psychiater ist Houchang Allahyari unermüdlich tätig. Zwei neue Filme sollen heuer ihre Premiere feiern. Am Montag feiert Allahyari seinen 80. Geburtstag.

„Der eine heißt „Goli Jan“ über ein Mädchen, das keines sein darf und den ich in Afghanistan und Iran gedreht habe. Ich hoffe, dass der Film nach mehreren Verschiebungen nun endlich im März oder April Premiere haben kann. Und der zweite ist mein Episodenfilm „Seven Stories about Love„, der vielleicht in einem halben Jahr in die Kinos kommen könnte“, erklärte Allahyari in einem APA-Interview.

Die Leidenschaft für den Film hat sich für den 1941 in Teheran geborenen Houchang Allahyari früh entwickelt: „Ich war schon seit meinem sechsten Lebensjahr vom Film fasziniert.“ Als 17-Jähriger hat er dann Filmkritiken für iranische Zeitungen verfasst. Als Jugendlicher kam er nach Wien, „um hier Film zu studieren, bevor ich dann weiter nach Amerika ziehe. Das war dann aber finanziell nicht möglich.“ Aus Interesse an der Psychiatrie und weil sich die Familie einen Mediziner in ihren Reihen wünschte, begann er ein Medizinstudium.

 

Psychiater in Spitälern und Haftanstalten

Nach seiner Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie betrieb Allahyari eine Ordination, war als Neurotraumatologe und Psychiater im Lorenz-Böhler-Krankenhaus tätig und arbeitete daneben 20 Jahre lang für das Justizministerium in Haftanstalten als Psychiater für Drogenabhängige. Und noch heute hat er seine eigene Wahlarztpraxis in Wien.

Der Film ließ ihn dennoch nicht los. In der Therapie setzte er das Medium regelmäßig ein, schuf aber ab den 70ern parallel auch seine ersten eigenen filmischen Arbeiten. Nach einem überraschend umfangreichen Konvolut an frühen Kurzfilmen und avantgardistischen Werken produzierte er Fernsehdokumentationen und Kinospielfilme oder zeichnete 1996 mit „Mein ist die Rache“ auch für eine „Tatort“-Folge verantwortlich.

Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen

Vor allem das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen machte Allahyari dabei regelmäßig zum Thema seiner Werke. Seine schwarze Komödie „I love Vienna“ mit einem jungen Michael Niavarani war 1991 der erfolgreichste österreichische Film des Jahres und wurde als Kandidat für den Auslandsoscar eingereicht. Auch mit „Höhenangst“ über einen Häftling (Fritz Karl), der in einem Dorf ein neues Leben beginnen will, erlangte er internationale Aufmerksamkeit.

 

„Geboren in Absurdistan“

 

Heimische Filmprominenz wie Josef Hader und Karl Markovics wirkten daraufhin in der Produktion „Geboren in Absurdistan“ (1999) mit, in der eine österreichische und eine türkische Familie in einem Krankenhauszimmer aufeinandertreffen. „Bei allen Unterschieden in der Dramaturgie haben alle Filme mit mir und meiner Umgebung zu tun, behandeln Themen, die ich in der einen oder anderen Art erlebt habe. Und ein weiterer Aspekt ist die Menschlichkeit“, erklärte Allahyari.

TV-Hinweis: 1.2.2021, 23.49 Uhr, ORF2

 

Erster Österreichischer Filmpreis für „Bock for President“

Die Aufmerksamkeit einer breiten gesellschaftlichen Öffentlichkeit erlangte Allahyari dann mit dem Kinodokumentarfilm „Bock for President“, den er gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch Allahyari drehte und der 2010 mit dem erstmals vergebenen Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Der Film begleitet die Flüchtlingshelferin Ute Bock, Allahyaris Ex-Schwägerin, zwei Jahre lang bei ihrer Arbeit und stellt neben ihrem unermüdlichen Engagement für Asylsuchende die Situation von Flüchtlingen in Österreich in den Mittelpunkt. Mit „Die verrückte Welt der Ute Bock“ und „Ute Bock Superstar“ folgten gleich zwei Fortsetzungen.

2014 besetzte Allahyari Erni Mangold in ihren hohen 80ern für „Der letzte Tanz“ in der gewagten Rolle einer Alzheimerpatientin, die eine intime Beziehung mit einem jungen Zivildiener (Daniel Sträßer) eingeht. Sexualität im Alter, Vorverurteilung in der Gesellschaft und vor Gericht, Entmündigung von Patienten, obsessive Mutter-Sohn-Beziehung: Der Psychiater Allahyari packte zahlreiche Themen in das Werk des Regisseurs Allahyaris, der selbst einen Kurzauftritt als Gefängnisseelsorger hat.

Nach diesem 2014 bei der Diagonale als bester Spielfilm prämierten Werk wandte sich der Polystilist mit „Die Liebenden von Balutschistan“ gemeinsam mit seinem Sohn wieder dem Dokumentarfilm zu und zog durch den Nahen Osten, bevor er mit „Der Gast“ 2018 ein surrealistisches Schwarz-Weiß-Werk in Bunuel-Tradition erneut mit Erni Mangold sowie Gregor Bloeb und Karina Sarkissova vorlegte.

Retrospektive im Filmarchiv

Das Filmarchiv startet am 5. Februar eine Online-Retrospektive mit Filmen von Houchang Allahyari. Den Lockdown hat der Regisseur unter anderem für die Vorbereitung genützt: „Ich hatte Zeit, meine alten Filme zusammenzusuchen und für die Retrospektive im Filmarchiv digitalisieren zu lassen. Ich war zwar daheim, habe aber viel gearbeitet und zwei Spielfilme fertigstellen können. Und ich finalisiere gemeinsam mit meiner Tochter ein neues Buch. Mir war also keine Sekunde langweilig.“

Als Psychiater ist Allahyari ist die Situation weniger angenehm, wie er im APA-Interview sagte: „So schön ich die Situation jetzt für mich beschrieben habe, so schlimm sieht es teils für meine Patienten aus, mit denen ich derzeit viel über E-Mail, Telefon oder WhatsApp kommuniziere. Da gibt es eine wahnsinnige psychische Belastung und zunehmende Ängste. Das ist teils sehr massiv gewesen.“

Eine Feier zum 80. Geburtstag plant Allahyari nicht: „Ich feiere meinen Geburtstag eigentlich nie. Ich will nicht älter werden, ich will mehr Zeit haben, meine Projekte umzusetzen. Da geht es nicht um die Angst vor dem Sterben. Ich habe einfach noch viel vor. Ich bin als Person nicht wichtig, sondern meine Filme. Das sind praktisch wie meine Kinder.“

Quelle: red, wien.ORF.at/Agenturen